Sonntag, 13. Juli 2014

Vegan in Finnland - Gastbeitrag von Heike von Vegrichtung



Yeah, ein neuer Gastbeitrag! Es ist so toll zu sehen, wo andere Veganer*innen so hinreisen und wie es dort mit der veganen Ernährung klappt. Heike hat ihr Blog Vegrichtung Anfang 2013 ins Leben gerufen und schreibt dort ihre Gedanken und Erlebnisse auf. Heute erzählt sie uns hier über ihren Urlaub in Finnland. Vielen lieben Dank, Heike!

Es gibt fast immer einen guten Grund, um nach Finnland zu reisen. Am allerliebsten aber fahre ich im Sommer nach Finnland, denn der der finnische Sommer ist einfach legendär. Ende Mai explodiert die Natur und selbst ganz im Süden, in Helsinki, geht die Sonne im Juni nicht mehr richtig unter. Der finnische Sommer ist zwar kurz, aber umso intensiver. Meist ist es trocken, sonnig und viel wärmer als man es hier in Mitteleuropa gemeinhin glaubt. Die Farben sind zu dieser Zeit etwas ganz Besonderes: strahlend blauer Himmel, in der Sonne glitzerndes, tiefblaues Wasser, grüne Wälder und atemberaubende Sonnenuntergänge. Und die Luft ist einfach so frisch und klar… 




Ihr merkt schon, ich komme ins Schwärmen. Finnland ist ein wunderschönes Reiseland für Naturliebhaber. Ich bin seit vielen Jahren in Finnland vegetarisch unterwegs und habe versucht zusammenzufassen, was Finnland an kulinarischen Schätzen für Veganer bereithält.

Die großen Städte sind natürlich eine Kategorie für sich. Hier ist das Angebot naturgemäß größer als auf dem Land, aber ich möchte nur kurz darauf eingehen, da ein richtig finnischer Sommerurlaub für mich ein „Mökki“-Urlaub ist. Mökki ist Finnisch und bedeutet so etwas wie „Sommerhaus“, ein mehr oder weniger komfortabel ausgestattetes Holzhäuschen im Wald, meist direkt am See und immer mit eigener Sauna. In jeder finnischen Familie gibt es mindestens ein Mökki. Und dorthin pilgern die Finnen an Sommerwochenenden und in den Sommerferien, um den Städten zu entfliehen und den kurzen Sommer in vollen Zügen zu genießen. Mökkiurlaub ist ein Stück finnische Kultur und um das Land richtig kennenzulernen, kann ich nur empfehlen, sich ebenfalls ein solches Häuschen zu mieten und sich mindestens ein paar Tage auf das Abenteuer Natur einzulassen. Auch wenn ihr anfangs noch skeptisch seid (ja, ich war das auch und habe mich gefragt, was man dort den ganzen Tag lang so macht) - nach ein paar Tagen werdet ihr es lieben, tiefenentspannt nach der Sauna auf dem Steg den Sonnenuntergang bewundern und gar nicht mehr weg wollen. So ging es mir zumindest. 
Ein typisches Mökki
Auf der Mökkiterrasse…

Eigenes Schwimmbad – der See hatte 24°C
Im Mökki steht naturgemäß eher Selbstverpflegung auf dem Programm. Oft ist es ziemlich weit bis in die nächste Stadt. Und selbst dort sollte man lieber nicht damit rechnen, ein Restaurant mit guter veganer Auswahl zu finden. Ansonsten braucht man sich aber keine Sorgen machen zu verhungern. Die größeren Supermärkte bieten fast alles, was das Herz begehrt, und die besten Schätze hält ohnehin die finnische Natur bereit: zuckersüße Erdbeeren, knackige Erbsenschoten, fantastische Waldhimbeeren, Blaubeeren in Hülle und Fülle, Preiselbeeren, Moltebeeren und natürlich Pilze, Pilze, Pilze! Diese Köstlichkeiten könnt ihr meist ganz frisch direkt auf dem Markt erwerben oder ihr geht einfach selbst in die Wälder und sammelt nach Lust und Laune Beeren und Pilze (Saison: Juli bis September, nähere 

Selbstgepflückte Waldhimbeeren
Walderdbeeren (in Finnland gibt es übrigens keinen Fuchsbandwurm!)
Johannisbeerhecke

Bioläden gibt es in Finnland kaum bzw. nicht in der Form, wie wir sie in Deutschland kennen. Alles Nötige bekommt man im Supermarkt. Die Märkte mit der allgemein größten Auswahl sind PRISMA und K-Citymarket – riesige Hypermarkets nach US-amerikanischem Vorbild. Die Gänge sind oft so breit, dass man theoretisch mit dem Auto durchfahren könnte. Aber auch die normalgroßen Supermärkte S-Market und K-Supermarket bieten an Lebensmitteln fast eine genauso breite Auswahl und man muss nicht so lange suchen (meine ehemalige Finnischlehrerin spottete immer gerne über die Hypermarkets, in denen man „eine halbe Stunde laufen muss, um eine Tüte Milch zu finden“).
Im Prisma: alles eine Nummer größer...
In Finnland wird gerne einheimisches Gemüse konsumiert und so findet man im Sommer nicht nur auf dem Markt, sondern auch in jedem Laden Tomaten, Gurken, Salat und manchmal sogar Paprika aus finnischem Anbau. Der Salat wird meist als Topfsalat verkauft und ist somit extrem frisch und knackig. Auch die Kräuter werden i.d.R. in kleinen Töpfen verkauft und sind sehr aromatisch und frisch. Frischer finnischer Dill z.B. passt zu vielen Gerichten einfach wunderbar.

Finnland ist ein Land der Milchtrinker – und ein Land der Allergiker und Laktoseintoleranz. Deshalb gibt es sehr viele vegane Milchersatzprodukte. Die Auswahl ist deutlich größer als in deutschen Supermärkten. Es gibt eine sehr große Bandbreite an Alpro-Produkten, aber besonders interessant sind natürlich die Produkte, die man in Deutschland nicht bekommt und da stehen vor allem nordische Hersteller an erster Stelle. Vom schwedischen Hersteller Oatly gibt es Hafermilch-, Hafersahne, Hafervanillesoße, Hafershakes, Hafereis etc. in einer beeindruckenden Auswahl, von der wir hier bislang nur träumen können. Auch gibt es Hafershakes von finnischen Herstellern (z.B. von Elovena), die man sich sehr gut als Snack für Ausflüge mitnehmen kann und sojafreie Joghurts auf Getreidebasis (deren Geschmack ich allerdings etwas künstlich finde). 
Das vegane Joghurtangebot eines einzigen (!) Supermarkts:

1. Die Alpro-Palette (obere Reihe)
2. Die Getreidejoghurts von Yosa (obere Reihe)
3.Soja- und Haferjoghurt von Nordic und Oatly

Apropos Hafer und Getreide. Die Finnen essen traditionell zum Frühstück oft Getreidebrei. Und der ist in der Regel auch vegan. Falls man also irgendwo im Hotel übernachtet und beim Frühstücksbuffet nichts Vernünftiges findet, kann man zumindest beim Brei zuschlagen. Wobei der neutrale, schleimige Geschmack vielleicht nicht jedermanns Sache ist. Ich bevorzuge finnisches Roggenbrot, am allerliebsten esse ich die runden Doppelscheiben der Marke „Reissumies“. Die gibt es in jedem Supermarkt und mit etwas gesalzener Margarine oder Avocado sind diese einfach unschlagbar! 


Mein Lieblingsfrühstück: Reissumies-Roggenbrothälften mit Avocado und finnischem Gemüse

Neben Roggenbrot sind in Finnland Hefegebäcke und karelische Piroggen sehr beliebt. Erfreulicherweise sind in den Backabteilungen der Supermärkte (separate Bäckereien gibt es eher selten) fast immer alle Einzelzutaten aufgelistet, sodass man sich selbst vergewissern kann, was vegan ist und was nicht. Meistens ist leider überall Milch verarbeitet, aber die Piroggen kann man prima zu Hause selbst nachbacken und ganz leicht veganisieren, indem man Kuhmilch durch Pflanzenmilch ersetzt. Meine Lieblingsvariante sind die Piroggen mit Kartoffel- und Karottenfüllung. Am meisten verbreitet ist jedoch die Milchreisfüllung.
Fleischersatzprodukte sind in Finnland längst nicht so verbreitet wie bei uns. Vegane Brotaufstriche gibt es überhaupt nicht – zumindest habe ich sie bislang noch nie gesehen. Dafür gibt es aber in fast jedem Supermarkt Tofu, Räuchertofu, Seidentofu und sogar veganen Käseersatz. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal im PRISMA auch eine riesige Auswahl an Sojagranulat, Sojamedaillons und Sojaschnetzeln gesehen – sehr beeindruckend.

Eines der besten Dinge in Finnland ist das Eis. Finnland hat den höchsten Eisverbrauch der Welt pro Kopf. Zwar gibt es so gut wie keine Eisdielen mit hausgemachtem Eis, dafür aber eine sehr große Auswahl an Fertigeis, das sehr günstig ist und mir zumindest richtig gut schmeckt. Das meiste Eis ist natürlich auf Kuhmilchbasis hergestellt, aber es gibt auch spezielle vegane Sorten, von denen es i.d.R. mindestens eine selbst in ganz kleinen Geschäften gibt. Dabei handelt es sich nicht nur um Eis in Literverpackungen, sondern auch um einzeln verpackte Hörnchen, Portionsbecher und Eis am Stil! Mein aktueller Favorit ist das Reismilchschokoeis in der Waffel von Ingman – richtig cremig und schokoladig!


Hafereis mit Erdbeergeschmack

Ebenfalls faszinierend ist in finnischen Supermärkten immer die Süßwarenabteilung... Die Auswahl ist gigantisch und man muss aufpassen, dass man nicht über die Strenge schlägt und zu viel von dem süßen Zeugs vertilgt. Vegan sind v.a. Lakritzsüßigkeiten, die in Finnland extrem verbreitet sind. Auch in der Keksabteilung kann man fündig werden. Dieses Jahr habe ich vegane Müslikekse mit Zartbittelschokolade entdeckt sowie cremefüllte Waffeln. Ähnlich wie in Deutschland sind die meisten Süßigkeiten und Kekse zwar nicht vegan, aber da die Auswahl so groß ist, hat man unterm Strich doch eine ganz gute Auswahl an rein veganen Süßwaren und Keksen. 

Zu verlockend: die riesigen Süßwarenregale

Vegane Schokomüslikekse und veganer Getreidetrunk mit Waldbeergeschmack

Eine wirklich informative Internetseite ist www.vegaanituotteet.net/inenglish. Hier werden alle veganen Produkte gesammelt, die man in finnischen Supermärkten kaufen kann. Sehr, sehr praktisch! Die Produktlisten sind zwar nur auf Finnisch, aber meist mit Bild ergänzt. Unter dem englischen Link findet man auch Übersetzungen für tierische Zutaten vom Finnischen ins Englische. Die Liste sollte man sich auf jeden Fall ausdrucken, wenn man kein Finnisch oder Schwedisch spricht, denn recht viele Produkte sind nur auf Finnisch, Skandinavisch und Estnisch/Russisch beschriftet. 

Ihr seht also, vegane Selbstverpflegung klappt in Finnland wunderbar und es gibt auch einige spannende Produkte neu zu entdecken. Nun möchte ich aber doch auch noch einige Worte zum veganen Stadturlaub und Restaurantbesuch loswerden. Vor allem zum Anfang oder zum Ende der Reise lohnt es sich auf jeden Fall, einen mindestens zweitägigen Zwischenstopp in der Hauptstadt Helsinki einzulegen. Auch das etwas ruhigere und kleinere Turku gefällt mir sehr gut. Generell sind die finnischen Großstädte extrem sauber, extrem grün und sehr modern. Ob sie „schön“ sind oder nicht, daran scheiden sich manchmal die Geister. 

Wohngebiete in Mikkeli

Helsinki hat sehr viel zu bieten, wenn man sich für neuere Architektur und Stadtplanung interessiert. Natürlich sollte man die klassischen Sehenswürdigkeiten wie die Festungsinsel Suomenlinna, den Dom und das neoklassizistische Zentrum, die schönen Jugendstilvillen im Stadtviertel Eira, das Finlandiahaus von Alvar Aalto und das Olympiastadion definitiv gesehen haben. Ich persönlich finde es allerdings immer besonders interessant, mir auch verschiedene Wohngebiete und für die „allgemeine Bevölkerung“ geplante Infrastrukturprojekte wie Bibliotheken, Schwimmbäder und Fahrradwege anzusehen. Gerade auf diesem Gebiet gibt es in Helsinki (und finnischen Städten generell) wie ich finde viel zu entdecken: völlig neu aus dem Boden gestampfte, ultramoderne Stadtteile, einen Fahrradtunnel, der durch die ganze Innenstadt führt, ein in einen Fels gebautes Schwimmbad, romantische, im Wald gelegenen Badestrände nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt… 

Das ist Helsinki...
 

… und das ist auch Helsinki

Wo man sich vegan verpflegen kann, kann man unter anderem auf der Seite der finnischen veganen Gesellschaft nachlesen: http://www.vegaaniliitto.fi/restaurants.html. Unschwer zu erkennen ist die Auswahl sehr übersichtlich, vor allem wenn man bedenkt, dass es sich bei mindestens der Hälfte der genannten Restaurants um vegetarische Restaurants mit nur kleinem veganen Angebot oder reine Lunchafés handelt. Aber natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Möglichkeiten, wenn man die Augen ein bisschen aufhält und gegebenenfalls nachfragt.

Hier ein paar Tipps für vegane Restaurantbesuche:

  • Bitte, bitte, bitte tut euch den Gefallen und vermeidet die Ketten. In Finnland gibt es viele Restaurantketten, die meiner Meinung nach nicht unterstützt werden sollten, denn das Essen ist nicht nur verhältnismäßig teuer, sondern echt fad. Ihr erkennt die Ketten meist daran, dass der Restaurantname mit einem ® versehen ist und/oder, dass mit Extrapunkten/Rabatten für Bonuskartenbesitzer geworben wird. Auch die Restaurants in den großen Hotels sind meistens Ketten.
  • Informiert euch vorher auf www.eat.fi. Das ist DIE finnische Restaurantseite. Hier können Gäste Restaurants in ganz Finnland bewerten und man kann sich an den Rezensionen gut orientieren. Es gibt „vegetarierfreundlich“ (leider nicht „veganfreundlich“) als Suchkriterieum. Viele top Restaurants sind von Außen unscheinbar und ohne eat.fi als Auswärtiger kaum zu finden.
  • Sucht rechtzeitig nach einem Restaurant. In Finnland schließen die Restaurants abends ziemlich früh. Außerdem gibt es oft günstige Mittagstischangebote. 
  • Für den kleinen Imbiss zwischendurch eignen sich die Märkte und Markthallen, in denen es immer schon so köstlich duftet, hervorragend. Hier gibt es in den großen Städten meist auch griechische oder arabische Stände, an denen man naturgemäß weniger Schwierigkeiten hat als Veganer.
  • Schreckt auch vor finnischen Restaurants nicht prinzipiell zurück. Zwar gibt es meist standardmäßig keine veganen Gerichte, aber Nachfragen lohnt immer. In den weit verbreiteten Lunchrestaurants gibt es meist ein Buffet mit großer Salatauswahl und gratis Brot und Kaffee. Der Salat wird eigentlich nie in (unveganen) Dressings ertränkt, sondern man isst entweder ohne Dressing oder nimmt separat das, was man als Dressing wünscht. 
Veganes Essen im vegetarischen Restaurant „Zucchini“ in Helsinki
Zwar nicht das beste vegane Angebot, dafür die schönste Location: ein Strandrestaurant in Helsinki


Und selbst falls die euch angebotene vegane Alternative mal nicht der kulinarische Kracher sein sollte (ja, mir wurde gelegentlich gebratener Tofu ohne Gewürze serviert und einige andere Kuriositäten, die ich lieber nicht näher ausführe) – der gute Wille zählt. Die Finnen sind im Allgemeinen ein zurückhaltendes Volk, aber meist sehr höflich und rücksichtsvoll. Teilweise mangelt es – wie in so vielen anderen Regionen der Erde – noch an Erfahrungen und Kreativität im Zubereiten von veganen Speisen, aber die entsprechende Nachfrage wird sicherlich noch einiges bewirken. Davon gehe ich zumindest aus, denn auch das Angebot in den Geschäften hat sich in den letzten 7 Jahren kontinuierlich verbessert. 

Ich hoffe, auch eure Neugier auf Finnland ist ein bisschen geweckt worden. Finnland ist kein klassisches Sightseeingland, sondern die Schönheit der Dinge offenbart sich oft erst auf den zweiten Blick, indem man sich Zeit nimmt, genauer hinschaut und in die Natur eintaucht. Aber wahrscheinlich genau deshalb ist Finnland so unbeschreiblich erholsam…! 




Mittelfinnland Anfang Juni – es ist 0:00 (Blick Richtung Osten)
 



P.S. Ja, in Finnland gibt es Mücken und ja, es sind (manchmal) viele, sie sind riesig und sie lieben ausländisches Blut. Und ja, auch trotz ein paar Mückenstichen kann man einen ganz tollen Urlaub verbringen ;)

Kommentare:

  1. Selbstverpflegung in Finnland klappt wirklich wunderbar, insgesamt kann ich den ganzen Artikel so unterschreiben.

    Ergänzen kann ich noch einen Fastfoodtipp, der immer geht: Das, was bei uns von der Verbreitung her McDonalds ist, ist in Finnland Hesburger. Die finnische Burgerkette hat auch einen veganen Burger im Angebot: Der Falafel-Burger (falafel-hampurilainen), der jedoch explizit ohne Mayonnaise (ilman majoneeseja) bestellt werden muss. Stattdessen kann man zB. Knoblauchsauce (valkosipulikastike) dazu nehmen. Pommes (ranskalaiset) und Ketchup dort sind auch vegan.

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    1. Oh, dankeschön! Das ist ein super Tipp, jetzt hab ich Lust auf Burger :P

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  2. Ein sehr schöner Gastbeitrag!

    sehr informativ und zugleich interessant! Wir planen momentan eine kleine Weltreise über sechs Monate Finnland stand auch so auf unserem Plan, weil ich die Kälte so liebe *g* Freuen uns dieses schöne Land besuchen zu dürfen und natürlich auf die veganische Vielfalt! Danke für die Tipps!

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