Samstag, 16. Februar 2013

The Lotus and the Artichoke - Interview mit Justin P. Moore



Ich freue mich sehr, dass es noch andere Veganer gibt, die sich gerne die Welt anschauen, quasi andere "V"eltenbummler ;) Einer davon ist Justin von The Lotus and the Artichoke, den ich Euch heute vorstellen möchte.


Hallo Justin,
Ich weiß ja, dass Du im Moment sehr busy bist, also erstmal vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für ein Interview mit mir genommen hast. Ich wollte mich ja unbedingt mal mit Dir unterhalten, da Du ja anscheinend mindestens genauso gerne wie ich verreist.


 
In welchen Ländern warst Du denn bisher schon so unterwegs? Und bist Du lieber längere Zeit on the road oder machst Du auch mal kurze Städte-Tripps?

Ich versuche jedes Jahr wenigstens ein neues Land zu erkunden. Bisher sind es insgesamt fast 40 Länder auf vier Kontinenten: Amerika, Kanada, Mexico, viele Inseln im Pazifik inklusive Guam, Ponape, Truk und die Marschall-Inseln, England, Irland, Frankreich, Polen, Tschechien, Russland, die Türkei, Deutschland, Österreich, die Schweiz, Lettland, Dänemark, Israel, Palästina, Belgien, Holland, Italien, Kroatien, Montenegro, Indien, Nepal, Vietnam, Kambodscha, Thailand, Japan, China, Ägypten, Marokko, Gambia, Senegal, Kenia und Tansania. Ich liebe es sehr, längere Zeit unterwegs zu sein -- so einige Wochen bis Monate, und habe auch längere Aufenthalte im Ausland verbracht. So kann man die Kultur und die Leute besser verstehen und mehr von der Sprache lernen.

Aber ich finde es auch immer interessant kurze Besuche zu machen. Sehr oft wenn ich irgendwo hinfliege, schaue ich ob ich eine neue Stadt bzw. Land als Umstiegsort anschliessen kann. Ich mag es, jede Möglichkeit auszunutzen, etwas anderes zu erfahren. Ich bin auch ein großer Fan von One-Way-Tickets: die tollsten Erlebnisse sind meistens nicht die, die man vorhersehen und bestimmen kann. Manchmal buche ich Flüge absichtlich mit unrealistischen Anschlusszeiten: bei Verspätungen darf man erneut buchen – später oder sogar am nächsten Morgen weiterfliegen – das heisst eine Nacht im Hotel auf Kosten der Fluggesellschaft pennen. Oder stattdessen die ganze Nacht durch die Straßen von Tokio laufen und vegetarische Sushi essen. Oder einen Nachmittag in einem Züricher Café lesen oder alte Meisterwerke in einem Pariser Museum ins Tagebuch skizzieren.

Die meisten finden irgendwelche Ausreden, warum sie nicht reisen können. Für mich ist das aber umgekehrt: ich brauche eine verdammt gute Ausrede dafür, länger zu Hause zu bleiben bzw. überlege ich mir wie ich trotzdem wegkomme. Kann ich meine jetzige Arbeit dort erledigen? Gibt es jemanden wo ich unterkommen kann? Selbst Zeitgrenzen und Finanzen sollten keine Hindernisse sein.




Wo hat es Dir besonders gut gefallen, sodass Du gerne irgendwann nochmal hin möchtest? Gibt es ein Land, das Du als Dein Lieblingsland bezeichnen würdest?

Ich mag viele Länder aus ganz verschiedenen Gründen. Indien liegt mir sehr am Herzen, und ich war schon sechsmal dort. In Nepal war ich nur einmal, und ich fand es wunderschön – ich würde sehr, sehr gern wieder hin. Kambodscha und Kenia fand ich auch sehr beeindruckend. Das Ding ist, bei jedem Besuch ist man praktisch in einem anderen Land. Der erste Besuch ist immer etwas ganz Besonderes. Wenn ich nun wieder nach Nepal reisen würde, wäre es ganz anders als in meiner Erinnerung. Diese Vergleiche, genau wie unsere Erwartungen, können sowohl die Erfahrung als auch diese geschätzten Erinnerungen verfärben. Nichts bleibt wie es war, der Reisende selbst auch nicht. Mit Indien – und allen Entwicklungsländern – ist das fast immer der Fall. Beim ersten Besuch 2001 hatte ich weder Handy noch Laptop dabei und konnte wenig Hindi. Bei meinem letzten Aufenthalt war ich meist mit dem ganzen modernen Zeug und besseren Sprachkenntnissen ausgerüstet. Zehn Jahre und vier Besuche liegen dazwischen, also sehr unterschiedliche Erfahrungen. Das passt aber zu Indien. Man erlebt alles und reist an nur einem Nachmittag zugleich durch Vergangenheit und Zukunft.

Zum Thema Lieblingsländer und Ernährung: Asiatische Länder sind jedenfalls viel einfacher und haben lange Traditionen, die oft mit tierfreundlichen Vorsätzen und vegetarischer Ernährung verbunden sind. Indien ist insofern wirklich ein Paradies. Übrigens, die südindische Küche verwendet weniger Milchprodukte als die nordindische. Schwierigkeiten oder Enttäuschungen hatte ich nie – nicht bei Familien, auch im Restaurant oder im Zug nicht. Ich erwarte aber auch nicht, dass  automatisch alles für privilegierte Menschen mit komplizierten Ansprüchen angeboten wird. Manche Kulturen legen sehr hohen Wert auf Gastfreundlichkeit, andere eben weniger – oder verständlicherweise, je nach der Einstellung des Gasts. Es ist erstaunlich, wie weit man kommt, wenn man sich ein bisschen in der einheimischen Sprache auszudrücken versucht, keinerlei Geringschätzung ausdrückt und Respekt für die Kultur zeigt. Meine Lieblingsländer sind die, in denen gegenseitig Interesse und Respekt gezeigt wird und wo andere Meinungen offen diskutiert werden. Klar finde ich es großartig wenn Küche, Kunst, Musik und die Vielfalt des Lebens gefeiert wird. Diese Sachen findet man fast überall, ohne sich tierisch anstrengen zu müssen.


Gibt es eine besonders lustige Geschichte, die Du auf einer Deiner Reisen erlebt hast, die Du uns gerne erzählen möchtest? Oder auch etwas, was besonders schief gelaufen ist?

Wenn gar nichts schief geht, dann muss ich zu wenig unternommen haben! Für mich zumindest sollte eine Reise etwas Herausforderung, Abenteuer und Überraschung bringen. Ja, ich finde es auch mal toll im Meer zu planschen oder in den Bergen zu meditieren oder was auch immer, frei nach dem Motto "Weg vom Alltag". Aber solche Momente und Erlebnisse der Entspannung und des Wohlbehagens schaffen eine tiefere Bedeutung und Resonanz als Momente, nicht aber als unrealistisch erwartete Dauerzustände eines Urlaubs.

Schwierigkeiten treten beim Reisen eben auf. In dem Moment selbst kann das dann auch höchst unangenehm sein. Ich habe mich zum Bespiel nicht gerade gefreut, als ein Affe mir die Brille beim frühmorgendlichen Spaziergang in einem indischen Dorf geklaut hat. In dem übrigens jeder weiss, dass die Affen blitzschnell sehr gern alles klauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Besonders lustig fand ich es damals nicht, eine Stunde lang Kekse in den Baum zu dem Affen zu werfen, in der Hoffnung, wir könnten Gegenstände tauschen. Er hat die ganze Zeit meine Kekse gefressen, aber meine Brille hat er nicht herausgerückt.  Er tat mehrmals so als ob, kaute stattdessen aber lieber langsam auf dem Kunststoffgestell meiner Brille herum. Ich ging also ohne weiter. Fünf Minuten später kam ein Junge hinter mir her gerannt, meine Brille in der Hand. "Falsche Kekssorte. Der mag nur Parle-Biscuit.", sagte er grinsend.

Es gab auch einen wunderschönen Abend in Varanasi, an dem ein Mann in einem staubigen Reisebüro mich nach meiner Herkunft fragte, wie es ständig passierte. Ich sagte ihm, dass ich seit Jahren in Deutschland lebe. "Tschermany? Ich habe etwas von Tschermany." Er fischte ein ganz altes, grünes Kästchen aus der Schublade seines Schreibtisches und tippte kurz mit seinen dünnen Fingern auf die ziemlich abgefärbte, altmodische Schrift "Hohner". Dann machte er es auf, schaute mich an, und spielte mit dieser Mundharmonika aus der Kinderzeit meiner Großeltern ein Lied von solcher Schönheit und Leidenschaft, dass ich, ganz ehrlich, weinen musste. Es war ein spirituelles Erlebnis. Nach ungefähr sieben Minuten steckte er das Instrument wieder ungezwungen in das Kästchen, lächelte mich breit an und buchte meine Zugreise für den nächsten Tag.



Welche Reiseziele stehen als nächstes an, ist da schon was Konkretes in Planung?

Dieses Jahr habe ich schon einiges vor. Im Frühling will ich meine Familie in den USA besuchen und mit einigen Läden dort über die Möglichkeit sprechen, mein Kochbuch anzubieten. Ich bin auch in Rom bei einer Kunsthochschule eingeladen worden und werde über Crowdfunding, Blogging und Do-It-Yourself-Projekte (wie meine selbstveröffentlichten Kochbücher) Vorträge halten. Eine vegane Bergpension im Harz will ich auch mal anschauen. Die große Reise für Ende 2013 wird wahrscheinlich ein längerer Aufenthalt in Mexiko oder Neuseeland, 2 bis 3 Monate als House-Sitter. Ich kenne viele Travel-Blogger die House-Sitting machen: eine echt tolle Möglichkeit, vor allem wenn man mehr wie ein Einheimischer im Ausland leben will. Mexiko wäre ideal - ich würde gern meine spanischen Sprachkenntnisse ausbauen,  die einheimische Küche besser kennenlernen und mich für Rezepte für mein nächstes Kochbuch inspirieren lassen.



Was packst Du auf alle Fälle in Dein Reisegepäck, ohne das Du nicht wegfahren kannst? Das können gerne auch mehrere Dinge sein.

Ich reise am liebsten mit wenigen Sachen. Wenn ich vom Flughafen oder Bahnhof abholt werde, ohne dass man sagt "Na, wo sind deine Sachen?" dann habe ich wohl zu viel gepackt! Eigentlich passen alle meine wichtigsten Sachen ins Handgepäck: Tagebuch, Kamera, Kindle, und falls nötig: Sprachführer. Meistens bringe ich auch einen Reiseführer mit, den ich unterwegs, am besten im Flugzug und später beim Frühstücken, gut durchlese und überall Notizen hineinschreibe. Gern bringe ich einen neuen deutschen Roman zum Thema Reisen oder der Weltkulturen vor Ort mit. Christian Kracht und Helge Timmerberg finde ich besonderes passend und amüsant. In letzter Zeit habe ich angefangen mein Macbook mitzunehmen. Da kann ich besser schreiben, Fotos bearbeiten, mal bloggen und etwas arbeiten – und mit Leuten im Kontakt bleiben. Den Rechner verwende ich meistens nur in der Unterkunft, und selbst den Fotoapparat nehme ich nicht immer mit wenn ich raus gehe. Ich mag es sehr ganz ohne Tasche und Touristenkram, also weniger auffällig, rumzulaufen. Ein Fotoapparat kann viel positive Aufmerksamkeit herausfordern, vor allem bei Kindern, aber wenn ich mein Skizzenbuch raushole... dann wird es erst lustig!



Wir teilen ja nicht nur die Leideschaft fürs Reisen, sondern kochen auch beide gerne, auch mal exotisch und dazu werden wir auf unseren Reisen inspiriert. Du bloggst aber Deine Rezepte nicht nur, sondern hast auch bereits ein Buch geschrieben. Was genau erwartet einen, wenn man Dein Buch aufschlägt?

Das Kochbuch hat über 100 vegane Rezepte, die von meinen Reisen in fast 40 Ländern inspiriert wurden. Insgesamt sind es ungefähr 216 vollfarbige Seiten, mit über 90 ganzseitigen Fotos der Gerichte. Die Kapitel sind nach Kontinenten geordnet: Amerika, Asien, Afrika und Europa. Den Rezepten jedes Kapitals ist eine Einleitung mit einigen meiner Reiseerfahrungen, Erinnerungen und Inspirationen vorangestellt.

Ich möchte, dass die Leser meines Kochbuchs viele neue Ideen finden, vor allem dass man die Vielfalt der internationalen Weltküche wirklich entdecken und ausprobieren kann, sich durch die Rezepte und Reisegeschichten inspiriert fühlt und mitreist. Ich will dass die Leser verstehen: Jeder kann reisen, jeder kann mit einer bewussten Ernährung ein buntes Leben geniessen. Die Rezepte sollen zeigen, dass die vegane Küche auch viele Möglichkeiten bietet. Es war mir auch sehr wichtig, möglichst viele Fotos in dem Buch zu haben. Es war selbstverständlich für mich, dass das Buch einzigartig, persönlich und einfach anderes werden muss. Ich freue mich total, wenn Leute mir schreiben, dass die Rezepte viel Spass machen, man Neues entdeckt und dass man sich inspiriert fühlt. Viele sagen mir, "Ich wollte schon immer neue Länder und Kulturen näher kommen" oder "ich wusste gar nicht dass die vegane Küche so lecker und exotisch sein kann!"








Welche landestypische Küche liegt Dir am meisten? Stehst Du mehr so auf italienisch, Asia Food, karibische Küche oder amerikanisches Essen wie Burger und Co? Oder von allem ein bisschen?

Ich bin ein sehr großer Fan von der Mischung von internationalen Kochstilen und Geschmacksrichtungen. Die indische sowohl die italienische Küche finde ich großartig, auch chinesische und südostasiatische Gerichte werden oft in meiner Küche gefeiert. Es ist aber wirklich etwas ganz Besonderes, wenn man Zubereitungsarten kombiniert und etwas Neues entdeckt oder entwickelt. Zum Bespiel indische Lasagna, indo-chinesische Klößchen, thailändische Pfannkuchen, deutsch-amerikanische Brownies und asiatisch-afrikanische Currys. Mein Interesse daran versteht man besser, wenn man überlegt, wie vielfaltig die ausländische Küche im Ausland ist. Klar, ein "echter" Italiener irgendwo ist toll, aber stell dir vor, wie interessant die italienische Küche in Asien wird. Pizza und Pasta in Kambodscha zum Bespiel. Ich hatte auch mal ein Nudelgericht in Afrika: Als italienisch würde ich es auf keinen Fall bezeichnen. Haute Cuisine war es auch nicht. Aber alles was mit Liebe und Kreativität gemacht ist, wird zu einer Erzählung des Kochs und zum Erlebnis für den Geniesser. Auch interessant sind natürlich die traditionellen Sachen, die man leicht und lecker "veganisieren" kann, wie z.B. französische Tarte au Citron, amerikanischer French Toast oder Burger, indischen Panir mit Tofu statt mit Käse. Ich stehe auch sehr auf die deutsche und österreichische Küche, und koche sehr gern veganisierte Klassiker wie zum Beispiel Knödel, Spätzle, Aufläufe, Apfelstrudel und so weiter. Als ich noch in den USA lebte, habe ich gern mexikanische Gerichte zubereitet. In Europa sind die Zutaten aber meistens ziemlich schwer zu finden. Man muss selbst Tortilla machen, und die verschiedenen Chilies sind hier relativ unbekannt. Ich freue mich immer total, wenn ich echte mexikanische Restaurants besuchen kann. Immer wenn ich meine Familie in Amerika besuche, sind wir am ersten oder spätestens am zweiten Tag beim Mexikaner. Kurz danach besuchen wir immer die großartigen, rein-vegetarischen chinesischen Restaurants in Philadelphia.


Dein Buch ist komplett auf englisch, ich habe aber gehört, dass Du gerade eine deutsche Ausgabe planst. Dafür fehlt Dir leider noch ein Großteil des benötigten Kapitals. Wie kann man Dich da unterstützen, wenn man möchte?

Die erste Ausgabe von The Lotus and the Artichoke ist auf englisch. Ich habe das Kochbuch selbst veröffentlicht und die Druckkosten über Kickstarter mit der Hilfe von über 360 Unterstützern finanziert. Jetzt bin ich wieder bei Kickstarter um die deutsche Ausgabe mit Crowdfunding ähnlich zu finanzieren. Bis zum Ende Februar müssen wir $8500 sammeln um die Produktionskosten zu decken. Beide Ausgaben des Kochbuchs sind als Rewards erhältlich, das heisst dort kann man das Kochbuch vorbestellen und nach dem Drucken per Post bekommen. Wer keine Kreditkarte hat oder sonst irgendwie nicht direkt bei Kickstarter mitmachen mag, kann beide Bücher per Bank-Überweisung bestellen. Bitte eine Email an lotusartichoke@gmail.com schicken für die Infos. Ich bin natürlich über jedes Teilen der Projekt-Infos über Facebook, Twitter, und Google+ sehr dankbar.

Linda, vielen Dank für das Interview. Gute Reise und guten Appetit!

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Sehr gerne, Justin! Solche Projekte supporte ich gerne, denn ich erkenne mich selbst darin wieder. Wenn Ihr auch Justin unterstützen wollte, beispielsweise bei seinem Kickstarter-Projekt, dann könnt Ihr das hier tun.


Ansonsten kann man The Lotus and the Artichoke auf Justins Blog oder seiner Facebook-Seite folgen:


www.lotusartichoke.com

www.facebook.com/LotusArtichoke

Eine Rezension über sein englisches Buch habe ich diese Woche schonmal für Deutschland is(s)t vegan geschrieben:
www.deutschlandistvegan.de/the-lotus-and-the-artichoke-vegan-recipes-from-world-adventures

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